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Heilen durch Vernichten

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Heilen durch Vernichten - Die Tübinger Zwangssterilisationen

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Einführungsvideo über Zwangssterilisationen während des Nationalsozialismus
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Die Webdoku „Heilen durch Vernichten – Die Tübinger Zwangssterilisationen“ entstand im Rahmen des Master-Seminars „Multimediale Formate“ am Institut für Medienwissenschaft der Eberhard Karls Universität Tübingen. Autoren und Produzenten dieser Webdoku sind Kai Jostmeier und Alexander Moskovic, Masterstudierende der Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Die Leitung des Seminars und Betreuung des Projekts unterlag Dr. Pia Fruth und Dr. Kiron Patka.

Ziel dieser Webdoku ist es, ein größeres öffentliches Bewusstsein für das Verbrechen der „Zwangssterilisationen“ im Nationalsozialismus zu schaffen. Mithilfe einer multimedialen Webdoku soll dieses Thema anschaulich, informativ und respektvoll zugänglich gemacht werden. Die Webdoku stellt Forschungsergebnisse von verschiedenen wissenschaftlichen Publikationen dar, ihre Inhalte basieren auf Primärquellen und Sekundärliteratur (siehe Literaturverzeichnis).

Kontakt
Kai Jostmeier: kai.jostmeier[at]mailbox.org
Alexander Moskovic: alexander.moskovic[at]gmail.com




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Jens Kolata - Lern- und Dokumentationszentrum zum Nationalsozialismus e.V. Tübingen

Dr. Henning Tümmers - Institut für Ethik und Geschichte der Medizin an der Universität Tübingen

Dr. Regina Keyler - Leiterin des Universitätsarchivs Tübingen

Udo Rauch - Leiter des Stadtarchivs Tübingen

Prof. Dr. Susanne Marschall - Institut für Medienwissenschaft, Universität Tübingen

Prof. Dr. Ernst Seidl - Direktor des Museums der Universität Tübingen MUT

Oliver Lichtwald (Sprecher), Kurt Schneider, Christian Beuter - Zentrum für Medienkompetenz, Universität Tübingen

Oliver Häußler - Campus TV Tübingen

Sven Reznicek, Johannes Hübner, Katrin Gildner, Ines Marchand, Max Schweizer, Samuel Zink - Studierende an der Universität Tübingen

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1. Bericht des Arbeitskreises ‚Universität Tübingen im Nationalsozialismus’ zu Zwangssterilisationen an der Universität Tübingen, Tübingen 2008, abgerufen unter: http://www.uni-tuebingen.de/fileadmin/Uni_Tuebingen/Allgemein/Dokumente/Pressemitteilungen_pdf_2009/... (Stand: 23.02.2018)

2. Doneith, Thorsten: August Mayer. Direktor der Universitäts-Frauenklinik Tübingen 1917-1949, Stuttgart 2008, zugl. Tübingen, Univ., Diss., 2007.

3. Kasch, Imke: Zur Alltagsgeschichte des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses am Beispiel der Begutachtung von Frauen an der Universitäts-Nervenklinik Tübingen im Jahr 1936, Tübingen, Univ., Diss., 2007.

4. Kießling, Constanze: Die Umsetzung des nationalsozialistischen Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses an der Universitätsnervenklinik Tübingen am Beispiel der im Jahr 1936 begutachteten Männer, Tübingen, Univ., Diss., 2005.

5. Kolata, Jens: Kastrationsoperationen im Nationalsozialismus. Das Beispiel der Chirurgischen Universitätsklink Tübingen, in: Ärzteblatt Baden-Württemberg 70, Nr. 11, 2015, S. 564-567.

6. Leins, Claudia: Robert Eugen Gaupp. Leben und Werk, Tübingen, Univ., Diss., 1991.

7. Leonhardt, Martin: Hermann F. Hoffmann (1891-1944). Die Tübinger Psychiatrie auf dem Weg in den Nationalsozialismus, Sigmaringen 1996, zugl. Tübingen, Univ. Diss., 1996.

8. Morlock, Ulrich: Nationalsozialistische Medizin. Das Beispiel der Zwangssterilisation in Tübingen, in: Schönhagen, Benigna (Hrsg.), Nationalsozialismus in Tübingen: vorbei und vergessen [Ausstellung im Stadtmuseum, Kornhaus, 9. Mai bis 15. August 1992], Tübingen 1992.

9. Schneider, Maria: Das nationalsozialistische „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ am Beispiel der 1939 an der Psychiatrie Tübingen durchgeführten Sterilisationsgutachten, Tübingen, Univ., Diss., 2014.

10. Seidl, Ernst (Hrsg.): Forschung – Lehre – Unrecht. Die Universität Tübingen im Nationalsozialismus, Ausstellungskatalog zur gleichnamigen Ausstellung vom 22. Mai bis 13. September 2015 im Schloss Hohentübingen, Tübingen 2015.

11. Tümmers, Henning: Annerkennungskämpfe. die Nachgeschichte der nationalsozialistischen Zwangssterilisationen in der Bundesrepublik, Göttingen 2011, zugl. Jena, Univ., Diss., 2009.

12. Westermann, Stefanie: Verschwiegenes Leid. der Umgang mit den NS-Zwangssterilisationen in der Bundesrepublik Deutschland, Köln [u.a.] 2010, zugl. Erfurt, Univ., Diss., 2009.

13. Wiesing, Urban [u.a.] (Hrsg.): Die Universität Tübingen im Nationalsozialismus, Stuttgart 2010.








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Bei der Darstellung von Biografien und Schicksalen wurden zum Schutz der Betroffenen ihre Namen teilweise gekürzt oder verändert, ihr Alter und andere sensible Daten zum Teil unkenntlich gemacht.

Die Autoren weisen darauf hin, dass die ausschließliche Verwendung der männlichen Form aus Gründen einer besseren Lesbarkeit gewählt wurde und, sofern aus dem Kontext nicht anders zu erkennen, explizit als geschlechtsunabhängig verstanden werden soll.


Bild- und Videonachweis:

Stadtarchiv Tübingen
Film: Aufmarsch "Heldengedenkfeier" 1935 auf der Bahnhofwiese und dem
Marktplatz“, Stadtarchiv Tübingen, Signatur: Video030.

Vereidigung von Rekruten auf dem Marktplatz 14.11.1937, Foto Schnell, Tübingen, Signatur: D 150/060-000/01 (033).
Wehrkampftag 8. Juli 1944 - Propaganda-Marsch, Parade auf der Neckarbrücke, Foto Kleinfeldt, Signatur: D 150/060-000/01 (035).

Hermann Hoffman in einer studentischen Karikatur. Städtische Sammlungen Tübingen. Reproduktionsvorlage für den Ausstellungskatalog "Nationalsozialismus in Tübingen. Vorbei und vergessen" Tübingen 1992 (S. 114).

Neues Volk, 1. Jg. Nr. 4, Oktober 1933, S. 10/11, Signatur: D 150/060-000/07 (90).

Büste Robert Gaupp (Leiter der Psychiatrie/Nervenklinik), Foto: Peter Neumann, Signatur. D 150/060-000/07 (101).

Maifeier mit Maibaum 1937, Marktplatz, Rathaus, Foto: Kleinfeldt, Tübingen, Signatur: D 150/060-000/07 (164).

Postkarte Frauenklinik, Gebr. Metz, Tübingen; Poststempel 1915, Signatur: Fotosammlung 321-000 Frauenklinik (6).

1935, Klinikdirektor Willy Usadel, Reichserziehungsminister Bernhard Rust, württembergischer Ministerpräsidenten Christian Mergenthaler beim den Neubau der Chirurgischen Klinik, Foto Alfred Göhner, Signatur: D 170/0062 (20).

Wehrmacht Parade Truppenparade, Postplatz / heute: Europaplatz 1933, Foto: Alfred Göhner, Signatur: D 170/0074 (4).

Tübinger Chronik 1935, KDF Konzert der Wehrmacht, Militärmusik, Foto: Alfred Göhner, Signatur: D 170/0091 (14, 15).

Lichtbilderreihe Vererbungslehre, Photo Kosmos Nr. 141, Signatur: D 150/Dia 3354, 3356.

Flugzeugaufnahme von Tübingen [Luftbild, Nervenklinik, Chirurgische Klinik], Verlag W. Anger, Tübingen, Signatur: Postkartensammlung Hartmaier Album 59 (5013).

Auszug aus: Volk und Rasse, 1933, VI, S. 202. Reproduktionsvorlage für den Ausstellungskatalog "Nationalsozialismus in Tübingen. Vorbei und vergessen" Tübingen 1992 (S. 118). Stadtarchiv Tübingen, D 150/060-000/07.

(Universitäts-) Kliniken, Psychiatrie, Psychiatrische Klinik, Nervenklinik. - Gesamtansicht - von Süden. SW-Photografie aus dem Verlag W. Anger, Tübingen, Nr.: 101. Stadtarchiv Tübingen, D150/ Album 161/U.


Universitätsarchiv Tübingen:
Chirurgische Klinik, Alfred Göhner, Signatur: UAT, S33, 41 (1, 3, 7, 8, 13, 14, 20, 21, 25).
Unterlagen aus der chirurgischen Klinik, Signatur: UAT, 133/864/593; 133/505/01; 133/505/02; 133/505/03.

Portrait von August Mayer, Signatur: S23, 1, 0894.


Bilddatenbank der Universität Tübingen:

Portrait von Robert Gaupp, Fotograf: Hornung, Julius Wilhelm, Signatur: L XV 60. 4°.

Portrait Prof. Dr. Hermann Hoffmann (1891-1944)
Künstler: Gustav Essig
Öl auf Leinwand, 1939
Eberhard Karls Universität Tübingen, Professorengalerie, Museum Universität Tübingen MUT.


Museum der Universität Tübingen (MUT):
Glasdias des rassenkundlichen Instituts, S.86/87, aus: Engler, B./Seidl, Ernst (Hgg.), Forschung. Lehre. Unrecht. Die Universität Tübingen im Nationalsozialismus, Ausstellungskatalog, Tübingen 2015.


Audiomaterial
Musik: “January” by Kai Engel, licensed under a Attribution License, http://freemusicarchive.org/music/Kai_Engel/Chapter_One__Cold/Kai_Engel_-_Chapter_One_-_Cold_-_05_Ja..., letzter Aufruf, 20.12.2017.

Footsteps Hallway, Autor: georgisound, https://freesound.org/people/georgisound/sounds/368834/, letzter Aufruf: 20.12.2017.

Marching Concrete Loop, Autor: stib, https://freesound.org/people/stib/sounds/240732/, letzter Aufruf: 20.12.2017.

archive_cabinet_slide_open_close, Autor: j1987, https://freesound.org/people/j1987/sounds/72671/, letzter Aufruf: 05.09.2018.











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Willy Usadel

Im Namen der Medizin - Die Hauptverantwortlichen der Tübinger Zwangssterilisationen.

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Willy Usadel

Willy Heinrich Paul Usadel wurde am 16. Juli 1894 in Gumbinnen, Ostpreußen, geboren und starb am 24. März 1952 in Erlangen. Er war Leiter der Chirurgischen Universitätsklinik Tübingen und selbst praktizierender Chirurg. Durch sein unmittelbares Mitwirken wurde an seiner Klinik in der Zeit des Nationalsozialismus bei mindestens 503 Männern eine eugenisch bedingte Zwangssterilisation durchgeführt. Willy Usadel führte dabei oft den entscheidenden chirurgischen Schritt durch.

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Willy Usadel

Ideologische Aussagen von Willy Usadel zu eugenischen Zwangssterilisationen finden sich keine, trotzdem konnte er nach dem Krieg an der Universität Tübingen nicht mehr Fuß fassen. Grund dafür war, dass er bereits 1931 in die NSDAP eingetreten war, bei der SA den Rang eines Obersturmführers erlangt hatte und weiteren nationalsozialistischen Vereinigungen angehörte. Deshalb galt er als politisch belastet und wurde von der französischen Besatzungsmacht verhaftet und interniert. Seine Beteiligung an der Durchführung von Zwangssterilisationen spielte dabei allerdings keine Rolle. Später wurde Willy Usadel Chefarzt am Kreiskrankenhaus Freudenstadt.

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Robert Gaupp

Prof. Dr. Robert Eugen Gaupp wurde am 3. Oktober 1870 in Neuenbürg, Württemberg geboren und starb am 30. August 1953 in Stuttgart. Von 1906 bis 1936 war er Direktor der Universitätsnervenklinik Tübingen. Diese war in der Zeit des Nationalsozialismus maßgeblich für die Begutachtung von angeblich „Erbkranken“ verantwortlich. Unter der Leitung von Robert Gaupp wurde bei zahlreichen Betroffenen eine Zwangssterilisation angeordnet.

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Robert Gaupp

Bereits vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten und ihrer staatlich praktizierten „Erbgesundheitslehre“ war Robert Gaupp ein Befürworter von Sterilisationen aus eugenischen Gründen gewesen. Schon im Jahr 1925 forderte er die Unfruchtbarmachung „geistig und sittlich Kranker und Minderwertiger“. Dementsprechend begrüßte er die Verabschiedung des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, das zum 1. Januar 1934 in Kraft trat. In der "Klinischen Wochenschrift" kommentiert er wenige Wochen später:

"Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses [...] stellt dem deutschen Arzt, namentlich dem Psychiater, neue Aufgaben und befreit ihn auf eugenischem Gebiet von seelischen Schwierigkeiten, die wir in den letzten 10 Jahren immer peinlicher empfunden haben."

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Robert Gaupp

Da Robert Gaupp nie offen für den Nationalsozialismus eintrat und kein Mitglied der NSDAP war, galt er nach 1945 als politisch unbelastet und war von der Entnazifizierung nicht betroffen.

Im Jahr 1992 änderte der Tübinger Gemeinderat, aufgrund Gaupps Haltung zu rassischen Zwangssterilisationen, den Namen einer zur psychiatrischen Klinik führenden Treppe von „Robert-Gaupp-Staffel“ in „Jakob-van-Hoddis-Staffel“. Jakob van Hoddis war ein deutscher jüdischer Dichter gewesen und 1942 von den Nationalsozialisten ermordet worden.

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Herrmann Hoffmann

Prof. Dr. Hermann Fritz Hoffmann wurde am 6. Juni 1891 in Leer, Ostfriesland, geboren. Er löste 1936 seinen ehemaligen Lehrer Robert Gaupp als Vorstand der Tübinger Universitätsnervenklinik ab. Ein Jahr später, im Jahr 1937, wurde Hoffmann zum Rektor der Universität Tübingen ernannt. Damit erhielt er gleichzeitig den Rang eines SA-Obersturmführers.

1933 trat Hoffmann in die NSDAP ein. Während des Zweiten Weltkrieges war er als Militärpsychiater am Westfeldzug beteiligt, zudem war er bis zum Winter 1941 als Oberfeldarzt an der Ostfront, kehrte jedoch aufgrund einer Verletzung zurück und war darauf im Wehrkreis Stuttgart als beratender Psychiater tätig.


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Herrmann Hoffmann

Hermann Hoffmann sprach sich in wissenschaftlichen Kreisen bereits früh für die Unfruchtbarmachung „Schwachsinniger“ und „Minderwertiger“ aus. Zudem empfahl er, „anlagenbedingte Verbrecher“ von der Fortpflanzung auszuschließen. Bei unkontrollierbaren Störungen der Gemütslage, so genannten „affektiven Psychosen“, lehnte er prinzipiell Zwangssterilisationen ab. Bei so genannten „asozialen Psychopathen“ befürwortete er den Eingriff hingegen deutlich.

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Karikatur über Herrmann Hoffmann

Nicht jeder an der Universität war mit der Politik des Rektors einverstanden. Unter diese studentische Karikatur schrieb der Zeichner:

"Professor Hoffmann hält Gericht,
ob wer verrückt ist, oder nicht.
Wer so wie der hier grundlos lacht,
wird in die Heilanstalt gebracht,
wo er sich fröhlich dem vereint,
der ewig traurig, grundlos weint." 

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Herrmann Hoffmann

Hoffmann starb am 13. Juni 1944 in Tübingen an einem Herzinfarkt. Bei der Trauerfeier preiste ihn sein Nachfolger als „Kämpfer und Grübler von eindeutig nationalsozialistischer Gesinnung“.

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August Mayer

August Mayer wurde am 28. August 1876 in Felldorf, Landkreis Horb, geboren und starb am 11. Oktober 1968 in Stuttgart. Von 1917 bis 1949 war der praktizierende Gynäkologe Leiter der Universitätsfrauenklinik Tübingen. Hier wurden unter seiner Verantwortung seit Inkrafttreten des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ im Jahr 1934 mindestens 740 Frauen zwangssterilisiert.

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August Mayer

Noch vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten sprach sich Meyer für eugenische Zwangssterilisationen aus. Zudem gab er zu, zu dieser Zeit bereits drei Mädchen aufgrund von „Schwachsinn“ aus eugenischen Gründen sterilisiert zu haben. Dementsprechend begrüßte er die nationalsozialistischen Maßnahmen der „Erbgesundheitslehre“ und wollte seine Klinik zu einer zentralen „Erbgesundheitsklinik“ des Landes machen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte August Mayer dem Säuberungsausschuss der Universität sowie einem Spruchkammerverfahren ausreichend Unbedenklichkeits- nachweise, so genannte „Persilscheine“, vorweisen, die ihn entlasteten. Dadurch konnte er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1949 Klinikdirektor der Universitätsfrauenklinik Tübingen bleiben.

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Patientenzimmer

Geschichten von Betroffenen und ihre Stellung in der Gesellschaft.

Der systematische Prozess und die verheerenden Ausmaße.

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Tübinger an der Neckarbrücke

Seit dem Inkrafttreten des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ am 1. Januar 1934 konnte jeder Bürger im „Dritten Reich“ verdächtigt werden, „erbkrank“ und damit „minderwertig“ zu sein. Denn jeder hatte nun die Möglichkeit, einen Verdächtigen bei einem Gesundheitsamt anzuzeigen. Zum Beispiel zeigten Nachbarn sich gegenseitig an, auch innerhalb von Familien gab es Anzeigen.

Stellte ein Hausarzt bei einer Untersuchung eine Erbkrankheit fest, so musste er das ebenfalls beim Gesundheitsamt melden. Das Gesundheitsamt prüfte diese Anzeigen, untersuchte die Verdächtigen und konnte dann eine Zwangssterilisation anordnen.

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Tübinger im Biergarten

Gründe für einen Verdacht konnten vielfältig sein. Entweder es lagen Symptome einer Krankheit vor oder der Verdächtige verhielt sich nicht der nationalsozialistischen Ideologie entsprechend. Wenn ein Mann zum Beispiel seine Familie nicht ernähren konnte, geriet er unter Verdacht. Die häufigste Diagnose die in solchen Fällen gestellt wurde, war „angeborener Schwachsinn“. Äußerte sich jemand negativ über den „Führer“, so konnte „moralischer Schwachsinn“ diagnostiziert werden.

Weitere Krankheiten, die aus Sicht der Nationalsozialisten vererbbar waren und deshalb nicht an Nachkommen weitergegeben werden sollten, waren Epilepsie, Schizophrenie und Alkoholismus. Menschen, die an diesen Krank- heiten litten, lebten stets mit der Gefahr, zwangssterilisiert zu werden.

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Marschierende Nazis durch Tübingen

Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden in Deutschland zwischen 360.000 und 400.000 Menschen zwangssterilisiert. An den Kliniken der Universität Tübingen waren es in dieser Zeit vermutlich 1243 Menschen. Zu den Betroffen gehörten mutmaßlich 740 Frauen und mindestens 503 Männer.

Der Eingriff zur „Unfruchtbarmachung“ konnte lebensbedrohlich sein, insbesondere für Frauen. Insgesamt gab es in Deutschland schätzungsweise 600 Männer sowie 6000 Frauen, die bei solch einer Operation gestorben sind. In Tübingen starben an den Folgen der Operationen mindestens vier Frauen, in 46 Fällen kam es zu einem vorzeitigen Schwangerschaftsabbruch.

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Die Universitätskliniken Tübingen

Die Anzeigen von Seiten der Klinik wandten sich gegen ihre eigenen Patienten. Bereits 1934 zeigten die Ärzte der Tübinger Universitätsnervenklinik (unten im Bild) 578 ihrer 1606 Patienten als „erbkrank“ an. Sie begründeten die meisten Sterilisationen psychiatrisch oder neurologisch.

Die Ärzte begutachteten im Auftrag von Amtsärzten und Erbgesundheitsgerichten auch Personen, die außerhalb der Kliniken als vermeintlich „erbkrank“ angezeigt worden waren. Im Jahr 1936 wurden die meisten Gutachten erstellt: Bei 180 begutachteten Patienten wurde in 98 Fällen eine Zwangssterilisation empfohlen.

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Universitätsarchiv Tübingen

Männer aus dem Raum Tübingen wurden für Sterilisationen an die chirurgische Universitätsklinik (vorheriges Bild oben) verlegt. Diese stand unter der Leitung von Willy Usadel. Bei Frauen wurden Zwangssterilisationen an der Universitätsfrauenklinik Tübingen (im Bild) durchgeführt.

Häufigste Diagnose für die an der chirurgischen Klinik durchgeführten Sterilisationen war in fast der Hälfte aller Fälle „angeborener Schwachsinn“ (47,7%), gefolgt von Schizophrenie (23,7%), erblicher Epilepsie (12,3%) und schwerem Alkoholismus (4,6%). Andere Gründe (11,7%) waren körperliche Missbildungen, manisch-depressives Irresein und rassische Gründe. Unter rassische Gründe fielen in Tübingen mindestens fünf Personen, davon vier Frauen. Sie wurden zwangssterilisiert, weil sie als „Zigeuner“ oder „Zigeunermischlinge“ galten.

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Flur in der chirurgischen Klinik Tübingen

Personen, die unter Verdacht standen, „erbkrank“ zu sein, mussten laut dem „Erbgesundheitsgesetz“ angezeigt werden. Ärzte und Pfleger, aber auch Bürgermeister oder Polizei, konnten beim Gesundheitsamt Anzeige gegen einen Verdächtigen erstatten.

Wenn eine Anzeige aus Sicht des Gesundheitsamtes berechtigt war, leitete ein Erbgesundheitsgericht ein Verfahren gegen den mutmaßlich „Erbkranken“ ein, um zu ermitteln, ob eine Unfruchtbarmachung nötig war. Menschen, die sich selbst für „erbkrank“ hielten, konnten einen Antrag direkt beim Erbgesundheitsgericht stellen.

Psychiater wurden mit der Begutachtung von vermeintlich „erbkranken“ Patienten beauftragt. Die Ärzte befragten Patienten zu ihrer Lebensgeschichte, führten medizinische Untersuchungen sowie Intelligenztests durch.

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Operationssaal in der chirurgischen Universitätsklinik Tübingen

Die Verhandlungen am Erbgesundheitsgericht waren nicht öffentlich. Zudem waren alle Beteiligten zur Verschwiegenheit verpflichtet. Wenn der Angeklagte zum Prozess geladen war und trotzdem fehlte, konnte er polizeilich vorgeführt werden. Vorgeladene Zeugen, auch Angehörige, hatten kein Zeugnisverweigerungsrecht, sie mussten aussagen.

Wenn das Gericht die Sterilisation beschlossen hatte und die Beschwerdefrist verstrichen war, wurde der Betroffene informiert, in welcher Klinik die Sterilisation durchgeführt werden sollte. In Tübingen wurden Männer in der Chirurgischen Klinik operiert, Frauen in der Universitätsfrauenklinik. Falls ein Betroffener am Tag der Operation nicht erschien, konnte er durch die Polizei vorgeführt werden.

Bei den Operationen wurden bei Männern die Samenleiter durchtrennt oder teilweise entfernt. Danach wurden sie in der Regel nach vier bis zehn Tagen entlassen. Bei Frauen wurde eine Eileiterquetschung vorgenommen, in einigen Fällen wurden zusätzlich Teile der Eierstöcke entnommen.

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Patientenakte von Hilfsarbeiter K.

Auf Veranlassung der Kriminalpolizei-Leitstelle für „Zigeunerfragen“ wird der bei Memmingen wohnhafte Hilfsarbeiter K. am 22.05.1944 in die Chirurgische Universitätsklinik Tübingen aufgenommen.

Laut Patientenakte sind weder bei K. noch in seiner Familie Krankheiten bekannt. Er hat fünf gesunde Kinder. Seine Frau befindet sich zu der Zeit zur Unfruchtbarmachung in der Tübinger Frauenklinik. Bei K. soll eine gesetzliche Sterilisation durchgeführt werden, da er ein „Zigeunermischling“ sei.

Drei Tage später, am 25.05.1944, wird bei K. eine Durchtrennung und Entfernung eines Teils des Samenstrangs beiderseits durchgeführt. Am 31.05. wird K. nach komplikationslosem Heilverlauf mit Hinweis auf Schonung entlassen.

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Büste von Robert Gaupp

Die 37-jährige Frau L. aus Ruppertshofen bei Ehingen war aufgrund von Symptomen einer Schizophrenie vom 20. Mai 1934 bis zum 05. Juli 1934 zur Behandlung in der Tübinger Universitätsnervenklinik. Ein Jahr vor Ausbruch der Krankheit war Frau L. von einem Sexualverbrecher angegriffen worden.

Der zuständige Arzt und Direktor der Klinik, Robert Gaupp (links), schloss in seinem Gutachten aus, dass es einen Zusammenhang zwischen diesem Angriff und der Schizophrenie gab. Zudem fiel der Betroffenen zur Last, dass ihre Mutter „vorübergehend schwermütig gewesen sei“. Frau L. wurde aufgrund des Gutachtens zwangssterilisiert.

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Korrespondenz zu Hilfsarbeiter W.

Am 16.12.1935 beschließt das Erbgesundheitsgericht Böblingen den Hilfsarbeiter W. aus Holzgerlingen aufgrund „angeborenen Schwachsinns“ unfruchtbar zu machen. In einem streng vertraulichen Schreiben vom Gesundheitsamt Böblingen an das Bürgermeisteramt Holzgerlingen heißt es, das Bürgermeisteramt solle W. 

„umgehend, unauffällig in die Chirurg. Klinik Tübingen [...] zwecks Vornahme des Eingriffs verbringen [...] lassen, - am besten durch einen nicht uniformierten Schutzmann".  

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Korrespondenz zu Hilfsarbeiter W.

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Patientenakte zu Hilfsarbeiter W.

Am 27. April 1936 wird W. in die chirurgische Universitätsklinik Tübingen eingewiesen. In seiner Vorgeschichte heißt es, er sei nie ernsthaft krank gewesen. Äußerlich scheint er gesund, nur in der Schule sei er nie recht mitgekommen. Die Diagnose lautet „angeborener Schwachsinn“ – Behandlung: „Gesetzliche Sterilisation“.

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Patientenakte zu Hilfsarbeiter W.

Zwei Tage später, am 29. April 1936, wird W. durch Dr. Huber und Prof. Usadel, dem Direktor der chirurgischen Universitätsklinik, operiert. Usadel führt dabei den entscheidenden Schnitt zur Sterilisation durch. Drei Tage nach dem Eingriff wird W. nach einem komplikationslosen Heilverlauf entlassen.

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Wartezimmer in der chirurgischen Klinik Tübingen

Im Folgenden sind direkte oder indirekte Aussagen von Betroffenen aus dem Tübinger Raum nachgesprochen. Klicken Sie auf einen der Stühle, um ihr Schicksal zu hören.

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Wartezimmer in der chirurgischen Klinik Tübingen

Ein immer wiederkehrendes Muster war, dass Betroffene sich dem fremdbestimmten Schicksal nicht kampflos ergeben wollten und sogar Selbstmordabsichten hatten. Herr S. wurde von seiner Familie gegen seinen Willen eingewiesen, da er Vergiftungsideen äußerte und gewalttätig gegenüber Angehörigen war. In einem Brief an seine Tante schrieb er...

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Wartezimmer in der chirurgischen Klinik Tübingen

In der Universitätsnervenklinik Tübingen wurde Herr V. wegen Verdachts auf eine paranoide Schizophrenie begutachtet. In dieser Zeit schrieb er einen Brief an seine Tante, indem er mit drastischen Konsequenzen droht, sollte er zwangssterilisiert werden. Das Schreiben wurde von der Nervenklinik zurückgehalten.

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Wartezimmer in der chirurgischen Klinik Tübingen

Der 30-jährige M. wurde am 7. Februar 1936 wegen Verdachts auf Schizophrenie angezeigt. Knapp vier Monate später, am 3. Juni 1936, wurde M. zwangssterilisiert. Fünf Tage danach schreibt er einen Brief an seine Verlobte, in dem er sich gezwungen sieht, die Verlobung aufzulösen...

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Wartezimmer in der chirurgischen Klinik Tübingen

Die 36-jährige T. R. wurde am 7. Dezember 1936 auf Beschluss des Erbgesundheitsgerichts Hechingen in die Universitäts- frauenklinik eingewiesen. Hier sollte sie zwangssterilisiert werden. Nur drei Tage später, am 10. Dezember 1936, versuchte T. R. aus der Frauenklinik zu fliehen und sprang aus einem Fenster. Dabei zog sie sich zahlreiche Verletzungen zu, aufgrund derer sie in die Chirurgische Universitätsklinik verlegt wurde.

Als sie wieder operationsfähig war, kam T. R. zurück in die Frauenklinik. In ihrer Krankenakte wird im Eintrag vom 19. Januar 1937 ihre Verzweiflung beschrieben...


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Wartezimmer in der chirurgischen Klinik Tübingen

Am 2. Februar 1937 wird T. R. in der Universitätsfrauenklinik Tübingen zwangssterilisiert. Eine vorherige Untersuchung war laut Krankenakte nur mithilfe einer Narkose möglich - T. R. hatte sich zu massiv gewehrt.

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Maikundgebung vor dem Rathaus in Tübingen

Opfer einer nationalsozialistischen Zwangssterilisation erlebten nicht nur in gesundheitlicher Hinsicht einen massiven Lebenseinschnitt, sondern auch in sozialer und wirtschaftlicher. Betroffene fühlten sich als Menschen zweiter Klasse, schämten sich für ihre zugesprochene „Minderwertigkeit“ und hatten zudem große Schwierigkeiten, Partnerschaften aufzubauen oder aufrechtzuerhalten.
 
Das zeigt auch ein Auszug aus einem Gutachten über einen Zimmermann, der in der Tübinger Universitätsnervenklinik untersucht wurde: „J. erklärt, dass er mit der Unfruchtbarmachung nicht einverstanden sei, er würde dadurch als Mensch 2. Klasse angesehen wer- den. Man solle ihm Zeit lassen, dass er sich im Leben als Mensch entwickeln könne.“

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Marschierende Tübinger auf der Neckarbrücke

Nicht nur Betroffene selbst, auch ihre Familien wurden nach einer Zwangssterilisation durch die Gesellschaft stigmatisiert. Eine Ehe durften Zwangssterilisierte mit einem gesunden Menschen nicht eingehen, da sie als „erbkrank“ galten. Zudem konnte ihnen der Zugang zu höherer Bildung versperrt bleiben. Sie führten deshalb oft nur so genannte Hilfsarbeiten aus. Zusätzlich war durch den zerstörten Kinderwunsch die finanzielle Absicherung der Betroffenen gefährdet.

Gleichzeitig sah die nationalsozialistische Ideologie vor, dass eine Zwangssterilisation einem angeblich „Erbkranken“ die Möglichkeit eröffnete, sich zumindest teilweise gesellschaftlich zu rehabilitieren. So war zum Beispiel der Eintritt in die NSDAP nach einer Zwangssterilisation wieder möglich.

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Aktenschrank Rassenmerkmale

Ursprünge der Eugenik, ihre Stellung in der NS-Ideologie und
die praktische Umsetzung an den Universitätskliniken Tübingen.

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Gedanke - Vererbung von Wutausbrüchen

Die nationalsozialistischen Zwangssterilisationen beruhten auf dem Konzept der Eugenik. Eugenik beschreibt die Lehre von der Verbesserung des menschlichen Erbgutes durch eine gezielte Fortpflanzung. Bevölkerungsgruppen mit positiv bewertetem Erbgut sollen wachsen, die mit negativ bewertetem sinken.

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Henning Tümmers erklärt den Ursprung der Eugenik
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Henning Tümmers erläutert die Bedeutung der Eugenik in der Gesellschaft vor 1933.
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Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses

Die Nationalsozialisten verfolgten mit Zwangssterilisationen das Ziel eines perfekten Genpools – dem so genannten „reinen Volkskörper“. Dafür verabschiedeten sie am 14. Juli 1933 das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, auch „Erbgesundheitsgesetz“ genannt. Es trat am 1. Januar 1934 in Kraft.

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Henning Tümmers über das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses
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Die chirurgische Uniklinik mit Schloss Hohentübingen im Hintergrund

Bei der systematischen Zwangssterilisation von angeblich Erbkranken kamen den Universitätskliniken in Tübingen eine entscheidende Rolle zu.

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Henning Tümmers zu den Universitätskliniken Tübingen
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